Zweiter Platz beim Europacup 2015 in Wien

Die Mittelbayerische Zeitung berichtet über den Turnierverlauf des Europacups.

Judo
Silberne Sternstunde an der blauen Donau
Der Europacup-Vizemeister TSV Abensberg feiert nach dem Finaltag bis in den Morgen. „Aber Wien steht noch", kündet der Boss.
Von Martin Rutrecht

Wien.Falco war ein Wiener Wunderknabe, nein, kein Sängerknabe, aber ein wunderbarer Knabe. Mit „Rock me Amadeus" wurde Hans Hölzel sogar in den USA zum Star. Beinahe hätte der TSV Abensberg am Samstag die österreichische Hauptstadt an der schönen blauen Donau gerockt. Der 20-fache deutsche Judomeister zog in der Golden League der acht besten Klubs Europas ins Finale ein. Dort fehlte nur ein einziger Zähler zum Triumph, den sich letztlich die Fighters aus Tiflis krallten. Die Babonen feierten ihre silberne Sternstunde aber wie Gold, bis in den frühen Morgen hinein. Die gute Nachricht für Falcos Erben: „Wien steht noch", teilte TSV-Boss Otto Kneitinger nach der Rückkehr mit.

Die Multiversumhalle Wien-Schwechat versprühte von außen den Charme eines Zweckbaus, ein wenig mit Farbe bekleckert. Im Inneren hatte der Österreichische Judoverband mit seinen freiwilligen Helfern – „Mia ham ja sonst nix z'tuan" – einen würdigen Rahmen für das große Stelldichein der stärksten Männer- und Frauenvereine des Kontinents geschaffen. Rund 2000 Fans, vor allem zugereist vom deutschen Damen-Vertreter JSV Speyer und aus Abensberg sowie die Anhänger der Wiener Vertreter, brachten von den Tribünen Stimmung in das Geschehen auf zwei Matten. Die Medien-Auswahl war bunt: Der Regensburger Funkhaus-Sportchef Armin Wolf fand sich zwischen ORF-Kameras und russischen Sendetechnikern wieder. Wolf hatte zwischen zwei Spielen des EVR den Ein-Tages-Trip nach Wien eingeschoben. „Ich fühle mich dem Abensberger Judo seit ewigen Zeiten verbunden. Deshalb fahre ich gerne hin." Jahn-Stadionsprecher Christian Sauerer gehörte samt TVA-Kameramann ebenfalls der Regensburger Presserunde an.

Ungar Miklos Ungvari geht fremd
Die über 120 Menschen zählende Reisegruppe um den TSV Abensberg erreichte bereits am Freitag ihr Ziel (siehe nebenstehend). Nach der Auslosung am selben Abend, die den Babonen die Halbfinal-Aussicht auf Titelverteidiger St. Petersburg bescherte, gingen Betreuer und Athleten die Marschroute für die Golden League durch. Beim Aufwärmen am nächsten Morgen wiederholte Trainer Radu Ivan, der als Vorgänger des neuen Chefcoachs Jürgen Öchsner mit dabei war, gebetsmühlenartig: „Denkt nicht an Petersburg – unser erster Gegner ist Belgrad. Darauf konzentrieren wir uns." Die TSV-Recken waren fokussiert und lagen nach den ersten drei Duellen gegen die Serben uneinholbar mit 3:0 voran. „Schaut, die brauchen mich gar nicht", lachte der ungarische Judoka Miklos Ungvari, der an diesem Tag für die Gastgeber Galaxy Tigers Wien und nicht für Abensberg auf die Matte ging.

In der Pause vor dem Gigantenduell gegen Petersburg – Sieger gegen die Hausherren – wurde in der Aufwärmhalle neben der Wettkampfarena mehr und mehr der einzigartige Mannschaftsgeist der Babonen greifbar. Genauso wie die Trainer Öchsner und Ivan Hand in Hand arbeiteten, rückten die Kämpfer zusammen, egal ob deutscher, ukrainischer oder israelischer Provenienz. „Dieser Teamspirit ist etwas Besonderes", sagte TSV-Israeli Sagi Muki. „Weil wir heuer auf die Bundesliga verzichteten, haben wir uns als Mannschaft praktisch nie getroffen. Aber kaum bist du unter dem Mantel dieses Vereins zusammen, entsteht ein Gemeinschaftssinn. Ich bin stolz, Teil dieser Truppe zu sein." So stellten auch die 81 kg-Rivalen Sven Maresch und Dominic Ressel ihr innerdeutsches Qualifikationsduell um ein Ticket für die Olympischen Spiele 2016 hintan.
Welche Kräfte Abensberg dadurch freisetzt, erfuhren die russischen Herren aus St. Petersburg. Sebastian Seidl, der sich am Vortag im Training die Oberlippe durchbohrte, weil er auf Georgii Zantaraias Faust fiel, fertigte Olympiasieger Arsen Galstyan in nicht einmal eineinhalb Minuten ab. Sagi Muki brauchte zwar etwas länger, war aber auch oben auf. Maresch und Marc Odenthal verloren, aber der TSV-Tscheche Lukas Krpalek holte die Kohlen aus dem Feuer. „Am Schluss hat er nur mehr gerauft, gerauft. Das war kein Judo mehr", lobte Chefcoach Öchsner schmunzelnd die Moral des Weltmeisters.

„Mein Lieber, ein Herzschlagfinale", atmete Otto Kneitinger durch. Ein zweites sollte aber noch bevorstehen, gegen den Finalgegner aus Tiflis. Der scheidende Abensberger Damencoach Torsten Guttzeit steckte klar ab: „Es geht 3:2 aus – aber ich weiß nicht, für wen." Die Georgier hatten sowohl in Viertel- als auch Halbfinale einen 0:2-Rückstand in einen Sieg gedreht. Das sprach für die Willenskraft der Fighters. Im Abensberger Lager wurden die Aufstellungsvarianten durchexerziert. Und dann standen die Fünf für den Kampf um Gold.

Weltmeister Zantaraia erfüllte trotz eines Rückstands die in ihn gesetzten Erwartungen im Stil eines Klassemannes. Leider ließ sich danach der Israeli Muki kalt erwischen. „Mein Gegner war heute besser. Das ist Judo." Die Sensation schlechthin glückte Dominic Ressel: Er besiegte Weltmeister Avtandili Tchrikishvili – und freute sich nicht nur für sein Team. „Dieser Erfolg gilt mir persönlich sehr, sehr viel", strahlte er. Marc Odenthal fehlten dagegen die Körner, seinen Rivalen in die Knie zu zwingen. Ihn hatte sichtlich das harte Turnierjahr für Rio aufgerieben. Und bei 2:2 hätte es der 100 kg-Olympiadritte Dimitri Peters gegen den Schwergewichts-WM-Dritten Adam Okruashvili richten müssen. Dass es ihm nicht gelang – niemand machte ihm einen Vorwurf. „Uns fehlt ein starker Schwergewichtler", merkte Kneitinger nur an. Die Lücke, die Andreas Tölzer hinterließ, klafft weiterhin auf.

Der gefüllte Pokal wird rumgereicht
Aber keiner im Abensberger Tross schien sich mit dem verpassten Titel aufzuhalten. „Wir haben nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen", brachte es Jürgen Öchsner auf den Punkt. „Man muss sich nur vor Augen halten, was diese Athleten heuer im Hinblick auf die Qualifikation für Rio geleistet haben. Von Turnier zu Turnier, von Lehrgang zu Lehrgang sind sie über den ganzen Globus gereist. Und dann so etwas abzurufen, verdient höchsten Respekt."
Mindestens Golden League war die Reisegesellschaft im Anschluss auch bei der Farewell-Party mit sämtlichen Judoka aus Damen- und Herrenteams. Der silberne Pott wurde gefüllt und herum gereicht. Einige zog es noch ins Nachtleben der Donaumetropole. Zur Abfahrt zurück ins Bayernland war die Vollzähligkeit wieder hergestellt. Vielleicht tönt im Nachklang noch der eine oder andere Wiener: „Rock me Abensberg."

Kategorien: News

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